PDF-Download Kunst im Bau / Financial Times Deutschland 2008 Financial Times Deutschland, 24.10.2008
Kunst im Bau
Künstler sind keine Handwerker: Wird eine Arbeit
größer als ihr Atelier, brauchen sie Hilfe. Die
bietet die Werkstatt Kollerschlag – Europas einziger
Spezialbetrieb, der auch noch die größte Idee in
Kunst verwandelt. Von MAREIKE MÜLLER.
Wenn Jeff Koons die Augen schloss, sah er „Puppy“
genau vor sich: ein sitzendes Schoßhündchen, aber
halb so hoch wie das Brandenburger Tor. Ein Riesenkunstwerk, geformt
aus blühenden Blumen in Grün, Gelb, Violett,
Weiß. Wenn Jeff Koons die Augen öffnete, wusste er:
So etwas schafft er nicht allein. Alles, was er konnte, war: eine
Zeichnung anfertigen mit Maßangaben für
„Puppy“ – und diese Zeichnung jemandem
geben, der seine Idee in Kunst verwandelt.
Es klingt unromantisch, dass Koons sich helfen lässt. Wo
bleibt denn da die Authentizität, wenn hinter einem
großen Werk nicht auch ein großer Künstler
steckt? Doch der Kunstbetrieb kann sich die Naivität des
Authentischen nicht leisten. Schließlich ist nicht jeder
Künstler gleichzeitig Statiker, Gerüstbauer,
Schweißer und Landschaftsgärtner. Koons jedenfalls
ist es nicht. Deshalb brachte der US-Amerikaner die Skizze seines
zwölf Meter großen Riesenhündchens in einen
kleinen Ort in Oberösterreich. Nach Kollerschlag. Zu Wolfgang
Baumüller. Der ist Geschäftsführer der
Werkstatt Kollerschlag und hat für Künstler mit
großen Ideen ein in Europa einmaliges Angebot:
„Kunst schlüsselfertig liefern“.
Der Mann, der Geistesblitze in Handfestes übersetzt,
trägt hellblaue Jeans zum braunen Strickpullover und auf der
Nase eine schwarze Hornbrille. Baumüller fährt sich
durch das zurückgekämmte weiße Haar, das im
Nacken länger fällt, und sagt: „Deshalb ist
der Koons zu uns gekommen – weil wir alles unter einen Hut
bringen.“ Im Fall von „Puppy“ steckt
darunter: ein Stahlgerüst mit Holzverschalung,
darüber ein Überzug aus Vlies und Maschendraht und
darauf reichlich Blumenerde. Bis der Hund im Park von Schloss Arolsen
bei Kassel errichtet werden konnte, arbeiteten zwei Monate lang
Statiker, Schlosser, Zimmermann, Näherin und Gärtner
daran, insgesamt 20 Personen. Den Aufbau wollte Koons sich dann nicht
entgehen lassen. „Er stand auf der Leiter und dirigierte die
Gärt- ner mit den Blumen in der Hand wie ein Maler“,
erinnert sich Baumüller. Und jeden Tag kam die Feuerwehr zum
Gießen. Koons ist nicht der Einzige, der mit seinen Aufträgen nach
Oberösterreich kommt. Als Anlaufstelle für technisch
anspruchsvolle Kunst besetzt die Werkstatt Kollerschlag eine Nische,
die in dieser Größenordnung in Europa einzigartig
ist. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern hat Wolfgang
Baumüller eine effiziente Arbeitsteilung gefunden: Der
ältere Bruder Heinz kümmert sich in
Düsseldorf um Kontakte zu Künstlern, der
jüngere, Werner, akquiriert von Wien aus Bauunter- nehmen.
Wolfgang aber ist die Spürnase, um die passenden
Handwerksbetriebe ausfindig zu machen, die das übernehmen, was
Künstler nicht können. Denn „dass Kunst von
Können kommt, das stimmte noch nie“, sagt
Baumüller und nippt nach so viel Meinung auf der Terrasse des
Linzer Kaffeehauses erst einmal an seinem grünen Tee. Die
Beweise seiner These stecken als dicker Stapel Bilder in seiner ab-
gewetzten braunen Ledertasche. Es sind die Bilder der Werke, die durch
die Vermittlung der Kollerschläger entstanden sind. Werke von
britischen Bildhauern wie Tony Cragg oder Rachel Whiteread, von
Objektkünstlern wie Liam Gillick, von Multitalenten wie den
Amerikanern Matt Mullican oder Jonathan Borofsky. Werke, die es ohne
die Werkstatt Kollerschlag nicht gegeben hätte.
Dabei ist die Werkstatt Kollerschlag keine Werkstatt. Sie ist eine gut
vernetzte Verteilerstation, die Kunst in Handwerksaufträge
zerteilt und delegiert. An Stahl- und Betonbetriebe, Lichttechniker und
Gießereien, an Textilfirmen und Gärtnereien. Das
Kapital der Kollerschläger sind ihre Kontakte. Kunst kommt
auch von kennen.
„Wenn größere Kunstharzformen gegossen
werden müssen wie für Tony Cragg, ist es schwer, die
geeigneten Betriebe zu finden“, sagt Baumüller.
„Die müssen sich extra für den einen Abguss
größere Formen anschaffen. Da winken einige gleich
ab.“ Die besten Kontakte, die Baumüller hat, sind
Handwerker, die sich in die Arbeit der Künstler verlieben. Da
kommt dann auch schon mal ein Schreiner auf ein Bier im Gasthof in
Koller- schlag vorbei, um direkt mit dem Schöpfer der Arbeit
zu reden. PDF-Download Kunst im Bau / Financial Times Deutschland 2008





Mareike Müller, freie Journalistin in Wien





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