Artikel als PDF-Download Brigitte Balance, 1/2010
Viel Landschaft, viele Pferde, wenig Essen
BRIGITTE BALANCE-Autorin Mareike Müller meldete sich zum
Fastenreiten im Wendland an. Und erlebte eine Woche voller
Bauchgefühle.
Die erste Erfahrung mit Fasten machte ich als Schülerin. Unter
uns 15-Jährigen war es sehr en vogue, eine Woche lang zu
hungern. Ob aus religiösen Gründen oder dem profanen
Wunsch, sich aus der pubertierenden Masse hervorzuheben, weiß
ich nicht mehr. Gut erinnere ich mich aber an zweierlei: Glaubersalz
und Mundgeruch. Das wird mir nie wieder passieren, schwor ich mir. 20
Jahre ist das her. Nun verlasse ich schon den sechsten Tag mit nichts
als Flüssigem im Magen das Bett. Schlüpfe in die
Sportklamotten, um mit sieben anderen Fastenden den japanischen
Kirschbaum zu umkreisen – Beinehüpfen, Armekreisen,
Seitenstechen ... Der Kirschbaum steht im Garten des Hotels
Pferdeschulze im Ort Wietzetze: ein Klecks Bauernhäuser im
niedersächsischen Wendland, die sanft hügelige
Straße führt nach Hitzacker und Hamburg, da und dort
kleben Anti-Castor-Aufkleber. Viel Landschaft. Viele Pferde. Die sind
der Grund, warum ich mit meinem Treueschwur gebrochen habe. Als ich vom
Fastenreiten erfuhr, flammte meine alte Liebe zum Pferd auf –
und ein neues Gefühl machte sich breit: ob ich nicht mal mein
Essverhalten neu definieren sollte? Der esoterische Überbau
beim Fasten interessiert mich nicht. Abnehmen muss ich auch nicht. Doch
für schnell verfügbare Energien greife ich bei Stress
gern zu Süßigkeiten statt zu Gesundem. Was aber
haben Reiten und Fasten gemeinsam? Beim Fasten greift der
Körper auf Reserven zurück, um seinen Energiebedarf
zu decken. Auf Fettdepots, aber auch auf das Eiweiß in den
Muskeln. Also wird ihm durch das Reiten signalisiert: Die Muskeln
werden gebraucht. Nach der Gymnastik unter rosafarbenen
Kirschblüten schleicht unsere Meute zurück ins
Backsteinhaus. Kerzen brennen, Tüllbänder ranken sich
über die weiße Tischdecke. Darauf: Gläser
mit trüber Flüssigkeit. Die frisch gepressten
Obstsäfte dürfen wir jetzt auslöffeln. Von
Essen redet heute, am letzten Fastentag, niemand mehr, nicht mal mehr
Wolfgang, der beharrlich von Brötchen mit goldgelber Butter
geschwärmt hat. Mir machte eher imaginäre Pasta alla
Norma zu schaffen. Oder Matjes. Zimtbrötchen. Bratwurst. Bald stellt sich der Schalter im Kopf um, und ihr denkt
nicht mehr an Essen.” Dagmar Schmidt hatte bei unserer
Anreise am Samstagabend die klassische Einleitung einer Fastenwoche
gesprochen. Die Hamburger Heilpraktikerin erfand 2007 in Deutschland
das Fastenreiten und stellte es mit den Inhabern des Reiterhofs auf die
Beine. Eine zarte Erscheinung ist die 44-Jährige, dunkle Haare
umrahmen ein schmales Gesicht. Dass sie seit 16 Jahren einmal im Jahr
fastet, nehmen wir ihr sofort ab. Wir, das sind sechs Frauen und ein
Mann in den Dreißigern und Vierzigern, Vielreiter und
Reitanfänger, Fastenneulinge und Wiederholungstäter.
Nach Frühsport und Löffelsaft geht es noch einmal die
knarzende Treppe rauf, Reitkleidung an, Treppe runter und
hinüber zum Stall. Dort wartet mein Partner dieser Woche.
Groth, ein mächtiger Traberwallach, schwarze Mähne,
kastanienbraunes Fell, das mir beim Putzen büschelweise in die
Augen fliegt. “Haarwechsel”, kommentiert Bernd
Schulze trocken. Er, bodenständiger Niedersachse,
führt mit seiner britischen Frau Louise den Reiterhof. Artikel als PDF-Download





Mareike Müller, freie Journalistin in Wien





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