Der Standard/Rondo, 11.11.2005
Erstens Material, zweitens Form, drittens Funktion
Vor allem die extremen sozialen Kontraste Brasiliens inspirieren die
Brüder Humberto und Fernando Campana zu ihrem Design und
sorgen so für sehr geteilte Meinungen im Publikum.
São Paulo ist dreckig, laut, brutal, gefährlich,
verarmt: Jedes Jahr werden eine viertel Million Menschen
überfallen, zehntausend er- mordet, tausend entführt.
Mehr als die Hälfte der Einwohner São Paulos lebt
im Müll, in vor sich hin modernden Häusern, auf der
Straße. Die Flüsse kippen, die Luft ist schlecht,
nicht zuletzt wegen der ständigen Verkehrsstaus. Für
neue Schulen, Krankenhäuser und Straßen fehlt das
Geld. Die Arbeitslosenquote liegt bei 19 Prozent. São Paulo ist geschäftig, konsumgeil,
luxuriös, grandios: Mehr als ein Drittel des
Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften die Paulistas, die Einwohner
São Paulos. Wer reich ist, und davon gibt es abertausende,
shoppt in Geschäften, die rund um die Uhr geöffnet
sind und deren Gehsteige von Sicherheitsleuten abgeriegelt werden.
Unmengen von Geld werden in den Markt für Luxusgüter
gepumpt. Die Reichen erheben sich in ihren Villen über den
brodelnden Moloch, bauen ihre Refugien auf Wolkenkratzern und erledigen
Geschäfte per Helikopter. São Paulo, ein Wahnsinn.
Je- ne, die besser und am besten verdienen, verfügen
über die Hälfte des gesamten Volkseinkommens
Brasiliens. Aus dieser Stadt schöpfen Humberto und Fernando
Campana ihre Inspiration.
Die beiden Brüder, 52 und 44 Jahre alt, betreiben seit Anfang
der Achtzigerjahre ein Designstudio in São Paulo, und wenn
sie etwas entwerfen wollen, gehen sie auf Streifzüge, gehen
hinaus in die Stadtviertel der kleinen Leute, in denen winzige
Kramläden vor Alltagsgegenständen, Schnickschnack,
Tand und Tieren über- quellen. Sie besuchen die Armenviertel,
die Favelas, wo Frauen alte Stoffe und Stoffreste kunstvoll zu Decken
und Teppichen weiterverwerten. Die Straßen von São
Paulo sind ein Laboratorium für das Campana-Design, sie lieben
deren Schönheit und das Chaos. Zurück ins Studio kommen sie mit Eindrücken, die
besonders Humberto Campa- na, der Ältere der beiden, braucht
wie ein Fisch das Wasser: „Ich kann ohne Ideen nicht leben
und fühle mich nur gesund, wenn ich etwas erschaffen
kann“, sagte Humberto vergangenes Jahr in einem Interview,
„Fernando ist präziser und rationaler. Er ist es,
der meine Ideen und Obsessionen transponiert und poliert.“ So
sehr hasst Humberto das Business, dass er nicht einmal Banken einen
Besuch abstattet. Einen Vertrag habe er noch nie gesehen, behauptet er. 
Es sind aber nicht nur Impressionen, die das Designerpaar wie eine
Beute in sein Designstudio trägt, häufig sind es auch
konkrete Dinge. Fundstücke, die sie für ihre Designs
verwerten: rosa Plastikschläuche, interessant geformte
Holzstückchen, Pappkartons. Oder, wie vor Jahren, dieses
riesige Bündel Taue, gekauft in einem Straßen-
stall, das sie zu Hause auf den Tisch leg- ten, um das Geflecht
auseinander zu nehmen. Während sie sich anschickten, das
Knäuel zu entwirren, trafen sich mit einem Mal die Augen von
Fernando und Humbert, sie hielten inne und wussten: „So soll
unser Stuhl aussehen! Er repräsentiert Brasilien in all seiner
Schönheit und Dekonstruktion.“ Heute fehlt ihr Stuhl
„Vermelha“, der Metallstuhl mit dicken, roten
Baumwollkordeln, in keiner Designausstellung.





Mareike Müller, freie Journalistin in Wien





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