Artikel als PDF-Download Wienerin, 6/2010
Gib dem Affen Gnade
Sie haben medizinische Tierversuche überlebt, leiden an
Zitteranfällen und Bulimie und wurden schließlich
zur Konkursmasse eines Safariparks. Jetzt haben die Affen von
Gänserndorf endlich einen sicheren Alterssitz – und
hoffen auf ein Freigehege. Ein Report von Mareike Müller
über tierische Menschlichkeit.
Inmitten des Affentheaters um sie herum sitzt Xara gelassen auf einem
Baumstumpf und kratzt sich am Kinn. Alfred bleckt seine spitzen
Eckzähne und wirft seinen Körper gegen die
Panzerglasscheibe. Der Aufprall seines mächtigen
Körpers klingt, als donnere eine Abrissbirne gegen ein
Einfamilienhaus. Aufgeregte Schreie gellen durch die zwei Etagen des
Affenhauses, untermalt durch die Laute von Babby Boy, der wie ein Wolf
heult. Die Schimpansen sind Besucher nicht gewohnt, und normalerweise
haben sie auch keine. Der fremde Mensch, der da vor der Scheibe mit
Tierpflegerin Renate Foidl steht, stresst sie. Und ich, der fremde
Mensch auf der anderen Seite des Panzerglases, denke beim Blick in
Xaras braune Augen, dass sie unerwartet menschlich wirken. Warum das
erstaunt, wundert mich selbst. Die Gene von Mensch und Schimpanse sind
zu 98,7 Prozent gleich. Klassisches Schulwissen, das man gern vergisst
– und illustriert wird von zwei Schimpansen, die sich hinter
Xara in die Arme fallen und knuddeln.
LEBEN IM LABOR. Die meisten Affen hier waren früher einmal
Laboraffen, an denen medizinische Versuche durchgeführt
wurden. Um sie in ihrem heutigen Zuhause zu besuchen, muss man durch
eine wie aus der Zeit gefallene Welt. Kurz hinter dem
niederösterreichischen Gänserndorf geht es auf einem
Schotterweg an Eisenstangen in Rostrot vorbei. Man passiert windschiefe
Föhren, verwitterte Hütten und giraffenhohe
Erdwälle, die zum Safaripark Gänserndorf
gehören, der 2004 pleiteging – und nun zum
Großteil verwaist ist. Zwei Pfaue stolzieren durch die gespenstische Stille in Richtung
Affengebäude, das seit 2002 existiert. Da, im Nirgendwo von
Gänserndorf, leben 40 Schimpansen – und bekommen ihr
Gnadenbrot in einem affenwürdigen Umfeld. Die letzte Station
ihres Lebens. Und die beste, soweit man das für eingesperrte
Wildtiere sagen kann. Über 20 Jahre lang haben sie die
Hölle auf Erden erlebt.
KONTAKTSPERRE. Der Großteil der heute in Gänserndorf
lebenden Schimpansen stammt aus Westafrika. Dort wurden sie als Babys
ihren Müttern entrissen und gefangen. Normalerweise verbringen
Schimpansen die ersten fünf Jahre im Kreis ihrer Familie. In
den 1970ern nach Österreich gebracht, dienten sie bis 1999 als
Versuchstiere für die Forschung. Man narkotisierte sie
für Leberbiopsien, führte medizinische Tests an ihnen
durch. Erst als der US-Pharmakonzern Baxter 1997 die
österreichische Firma Immuno und mit ihr die Laboraffen
übernahm, liefen die Versuche aus.
16 Schimpansen wurden in ihrer Zeit als Laboraffen mit HIV oder
Hepatitis infiziert, die Tiere sind traumatisiert, vor allem von der
jahrzehntelangen Isolationshaft. Ihre Welt war zu lange ein
Rundumgittergefängnis: ein Käfig mit
Hängematte, in den die Tierpflegerinnen das Futter in
Raumanzügen brachten – der Ansteckungsgefahr wegen.
Dass Schimpansen für die AIDS-Forschung unbrauchbar sind,
stellte sich erst nach Jahren her­ aus: Bei HIV-infizierten
Schimpansen bricht AIDS nicht aus. Erst seit 2005 sind Tierversuche an
Menschenaffen in Österreich verboten. Artikel als PDF-Download





Mareike Müller, freie Journalistin in Wien





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